– Von Engagement zu authentischer Führung –

Als die Position des Teamleiters in unserem Projekt frei wurde, beschloss ich, mich zu bewerben. Ich tat dies mit einer gewissen Portion Emotionen, aber auch mit Vertrauen in mein Verständnis des Projekts, meiner Lernbereitschaft und meinem Glauben an das Team.
Wenn wir das Wort „Führung“ hören, denken wir oft an einen Titel, eine Rolle oder eine formelle Autoritätsposition. Meine persönliche Erfahrung hat mich gelehrt, dass Führung schon viel früher beginnt – nämlich in dem Moment, in dem man sich entscheidet, Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren und sich intensiv für das Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung einzusetzen.
Auf meinem eigenen Weg – vom Teammitglied zum Teamleiter – habe ich gelernt, dass Führung mit Engagement beginnt. Ich war immer bestrebt, verschiedene Aspekte des Projekts zu verstehen, Kollegen zu helfen und das Team über die Grenzen meiner Stellenbeschreibung hinaus zu unterstützen. Diese Neugier und dieses Verantwortungsbewusstsein waren rückblickend die ersten Schritte in Richtung Führung – lange bevor ich den Titel erhielt. Die Unterstützung, die ich von meinen Kollegen in dieser neuen Rolle erhielt, bestätigte mir, dass die Führungsposition nicht einfach zugewiesen wurde, sondern durch Vertrauen und Beständigkeit verdient wurde.
Die wahren Lektionen kamen, nachdem ich die Rolle übernommen hatte
Ich habe schnell erkannt, dass eine Führungskraft zu sein nicht bedeutet, alle Antworten zu kennen. Es bedeutet vielmehr, einen Raum zu schaffen, in dem Antworten entstehen können. Es bedeutet, unterschiedliche Meinungen zu begrüßen – auch wenn sie den eigenen widersprechen –, denn ein offener Dialog signalisiert psychologische Sicherheit und Teamreife.
Jede Führungsrolle hat ihren eigenen Kontext, der von der Teamkultur und früheren Erfahrungen geprägt ist. Mein Fokus lag darauf, einen Raum zu schaffen, der auf Vertrauen, offenem Dialog und gemeinsamer Verantwortung basiert. Ich habe erkannt, dass effektive Führung nicht bedeutet, einer Formel oder früheren Modellen zu folgen, sondern jeden Tag authentisch und konsequent zu sein.
Es gab Momente der Unsicherheit, sogar der Verletzlichkeit – Zeiten, in denen ich die Last von Entscheidungen oder die Einsamkeit spürte, die manchmal mit Verantwortung einhergeht. Einer dieser Momente kam, als unser Projekt mit erheblichen Leistungsproblemen konfrontiert war. Ich entschied mich für Transparenz gegenüber dem Team und gab zu, dass ich ihre Hilfe brauchte, um die Ursache zu finden und Teile der Architektur neu zu gestalten. Durch die Zusammenarbeit, das Vertrauen in die Fachkompetenz und die Verantwortungsbereitschaft jedes einzelnen Mitglieds konnten wir nicht nur das Problem lösen, sondern auch unser gegenseitiges Vertrauen stärken. Diese Momente gemeinsamer Verletzlichkeit wurden zur Grundlage für Vertrauen. Durch Transparenz, regelmäßiges Feedback und die Nähe zum Team – insbesondere in schwierigen Zeiten – habe ich gelernt, dass Führung weniger mit Kontrolle als vielmehr mit Präsenz zu tun hat.
Die Forschung stützt diese Ansicht
Hier sind einige wissenschaftliche Arbeiten, die meine empirischen Beobachtungen bestätigen. Eine groß angelegte Metaanalyse hat gezeigt, dass persönliche Eigenschaften wie Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit wichtige Prädiktoren für die Entstehung von Führungsqualitäten sind, unabhängig von formalen Rollen (Pattern and variable approaches in leadership emergence and effectiveness Journal of Applied Psychology, Mar 2007)
In IT- und wissensbasierten Bereichen entsteht Führung oft eher durch Zusammenarbeit und Visionen als durch Hierarchien. Studien zeigen, dass transformative Führung – die Fähigkeit, zu inspirieren, zu unterstützen und zu befähigen – sowohl die Innovationskraft des Teams als auch die Zufriedenheit der Führungskräfte steigert (The effect of transformational leadership on nurses’ innovative behaviors: the mediating effect of psychological empowerment, BMC Nursing, 2025).
Authentische Führung spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Eine in der Wiley Online Library veröffentlichte Studie betont, dass Integrität, Transparenz und Übereinstimmung zwischen Werten und Verhalten für nachhaltige Führungspraktiken von zentraler Bedeutung sind (Authentic leadership: Centering context to critically examine authenticity, Gardner et al., 2021). Diese Erkenntnisse decken sich weitgehend mit meinen eigenen Erfahrungen: Führungsqualitäten entstehen aus Charakterstärke, nicht aus Kontrolle.
Das Wichtigste ist, für Ihr Team voll und ganz da zu sein – sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten. Das bedeutet, zuzuhören, zu motivieren und anzuleiten, aber auch zuzugeben, wenn man sich geirrt hat. Führung bedeutet nicht, perfekt zu sein, sondern konsequent zu handeln.
Checkliste zur Führungsbereitschaft
Bei Führung geht es nicht darum, einen Titel zu haben oder die lauteste Stimme im Raum zu sein. Es geht darum, wie Sie sich präsentieren – mit Klarheit, Empathie, Integrität und Mut. Niemand wird mit all diesen Fähigkeiten geboren. Was zählt, ist das Bewusstsein und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Es gibt viele Hilfsmittel, die Ihnen dabei helfen können. Hier ist eines meiner Lieblingshilfsmittel: eine Checkliste, mit der Sie Ihre Führungsbereitschaft reflektieren können.
1. Vision und Strategie
- Ich kann eine klare, erreichbare Richtung definieren und kommunizieren.
- Ich setze kohärente Ziele, die die tägliche Arbeit mit einer langfristigen Vision verbinden.
- Ich akzeptiere Fehler, lerne aus ihnen und passe meinen Kurs an.
- Ich bleibe flexibel und passe mich Veränderungen an.
2. Entscheidungsqualität
- Ich treffe Entscheidungen auf der Grundlage von Daten und fundiertem Urteilsvermögen.
- Ich hole mir verschiedene Meinungen ein, bevor ich eine Entscheidung treffe.
- Ich passe meinen Kurs an, wenn neue Informationen bekannt werden.
- Ich halte ein Gleichgewicht zwischen Schnelligkeit und sorgfältiger Bewertung.
3. Kultur & Ethik
- Ich schaffe Vertrauen und psychologische Sicherheit innerhalb meines Teams.
- Ich übernehme Verantwortung für meine Handlungen und Entscheidungen.
- Ich handle integer, auch wenn es mir unangenehm ist.
- Ich fördere Inklusion, Fairness und Respekt für alle Stimmen.
4. Kommunikation & Empathie
- Ich höre aktiv zu und versuche zu verstehen, bevor ich antworte.
- Ich kommuniziere klar und transparent.
- Ich motiviere andere durch Zielstrebigkeit, nicht durch Druck.
- Ich passe meinen Kommunikationsstil an verschiedene Personen und Kontexte an.
5. Nachhaltigkeit der Ergebnisse
- Ich delegiere Verantwortung und befähige andere zum Handeln.
- Ich betreue und unterstütze andere in ihrer Entwicklung.
- Ich fördere Selbstständigkeit und kontinuierliches Lernen.
- Mein Team kann auch in meiner Abwesenheit effektiv arbeiten.
Sie können jeden Punkt in der Liste mit einer Punktzahl von 1 bis 5 bewerten, um eine genauere Einschätzung vornehmen zu können. Zu guter Letzt müssen Sie nicht in jeder Kategorie die volle Punktzahl erreichen, um ein guter Anführer zu sein.
Wahre Führungsqualitäten beginnen mit Selbstbewusstsein, wachsen durch Übung und gedeihen, wenn sie geteilt werden – nicht von oben ausgeübt, sondern innerhalb des Teams gelebt.
Reflexionsnotiz
Ich glaube, dass jeder eine Führungskraft werden kann – nicht weil jeder einen Titel braucht, sondern weil Führung damit beginnt, wie wir uns jeden Tag präsentieren. Sie beginnt, wenn wir Verantwortung für unsere Arbeit und deren Auswirkungen übernehmen.
Sie wächst, wenn wir auch in unsicheren Zeiten integer handeln. Und sie gedeiht, wenn wir anderen helfen, sich zu entwickeln, und so ein Umfeld des Vertrauens und der Zusammenarbeit schaffen. Wahre Führung steht nicht über dem Team – sie lebt innerhalb des Teams.